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Ein Impuls vom DDG Kongress 2026:

  • Autorenbild: Anja
    Anja
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Braucht Diabetesbegleitung mehr körper- und wahrnehmungsorientierte Ansätze?



Anja auf der Frühjahrstagung der DDG in Berlin.

Der diesjährige Diabetes Kongress in Berlin hat eindrucksvoll gezeigt, wie differenziert und multidisziplinär moderne Diabetesmedizin inzwischen geworden ist.

Es ging um neue medikamentöse Therapien, Sensor-Technologien, Adipositasbehandlung, Ernährungsmanagement, digitale Gesundheitsanwendungen, psychologische Begleitung und die dringliche Frage, wie wir der wachsenden Zahl metabolischer Erkrankungen begegnen können.


Besonders präsent war dabei auch die Diskussion um Lebensstil, Verhalten und langfristige Verhaltensänderung. Wie können Menschen mit Typ-2-Diabetes nachhaltiger unterstützt werden?

Welche Rolle spielen Bewegung, Ernährung, Motivation und digitale Begleitung? Wie kann Prävention früher ansetzen?

Und dennoch blieb bei mir nach vielen Gesprächen und Vorträgen eine Frage zurück:

Wie kann ein Mensch überhaupt wieder in einen inneren Zustand kommen, aus dem heraus nachhaltige Veränderung möglich wird?


Zwischen Wissen und Verhalten liegt gelebter Alltag

Wir sprechen im Diabetes-Management viel über Ernährung, Bewegung, Adhärenz und Lebensstilveränderung. Gleichzeitig erleben Menschen mit Typ-2-Diabetes häufig chronischen Stress, Erschöpfung, Überforderung oder innere Anspannung. Hinzu kommen lang eingeübte Gewohnheiten, biographische Prägungen, emotionale Muster und oft auch ein zunehmender Verlust von Körpervertrauen und Selbstwirksamkeit.


Nicht selten wissen Menschen sehr genau, was „gesund“ wäre — und schaffen es dennoch nicht, dieses Wissen dauerhaft in ihren Alltag zu integrieren. Gerade bei chronischen Erkrankungen stellt sich deshalb aus meiner Sicht nicht nur die Frage, welche Intervention medizinisch sinnvoll ist, sondern auch:


Wie können Menschen wieder mehr Zugang zu ihren eigenen Ressourcen, ihrem Körperempfinden und ihrer Regulationsfähigkeit finden?



Salutogenese und Kohärenz bei Typ-2-Diabetes

In diesem Zusammenhang erscheint mir der salutogenetische Ansatz besonders interessant. Aaron Antonovsky beschrieb Gesundheit nicht als statischen Zustand, sondern als dynamischen Prozess, bei dem die Fähigkeit zentral wird, mit Belastungen umzugehen und trotz Herausforderungen Kohärenz zu erleben.



Salutogenetische Perspektive auf Typ-2-Diabetes: Ressourcen, Kohärenz und innere Stabilität fördern (© AOH/ChatGPT)
Salutogenetische Perspektive auf Typ-2-Diabetes: Ressourcen, Kohärenz und innere Stabilität fördern (©AOH/ChatGPT)

Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen benötigen nicht nur Therapiepläne und Informationen, sondern auch die Erfahrung, dass sie ihre Situation zumindest teilweise aktiv mitgestalten können.


Kohärenz entsteht dort, wo Menschen ihre Situation:

  • besser verstehen können,

  • Handlungsspielräume erleben,

  • und wieder Sinnhaftigkeit und innere Beteiligung erfahren.


Aus meiner Sicht wird diese ressourcenorientierte Ebene im Diabetes-Management bislang vergleichsweise wenig praktisch adressiert.


Bewegung allein reicht manchmal nicht aus

Bewegung war auf dem Kongress erfreulicherweise ein großes Thema. Von Krafttraining über Bewegungssnacks bis hin zu alltagstauglichen Aktivitätskonzepten wurde deutlich, wie wichtig Muskelaktivität und körperliche Aktivierung für Stoffwechselgesundheit und Insulinsensitivität sind.


Hier stellt sich jedoch eine weiterführende Frage: Wie erreichen wir Menschen, die sich dauerhaft erschöpft, dysreguliert oder innerlich überfordert erleben?


Denn nicht jeder Mensch befindet sich in einem Zustand, aus dem heraus sofort Leistungsfähigkeit, Motivation und Verhaltensänderung abrufbar sind. Vielleicht benötigen wir deshalb zusätzlich niedrigschwellige Verfahren, die zunächst Regulationsfähigkeit, Körperwahrnehmung und innere Stabilisierung unterstützen.


Körper- und wahrnehmungsorientierte Begleitung als ergänzende Ressource

Hier könnte aus meiner Sicht ein Feld liegen, das stärker exploriert werden sollte. Im Yoga finden sich seit langem Verfahren, die nicht primär leistungs- oder fitnessorientiert sind, sondern auf die Schulung von Wahrnehmung, Atemregulation, Aufmerksamkeitslenkung und körperlicher Selbstwahrnehmung abzielen.

Dazu gehören beispielsweise:


  • Atembeobachtung,

  • Atemverlängerung,

  • kurze alltagsintegrierte Bewegungsimpulse,

  • einfache Wahrnehmungsübungen,

  • oder kleine „Yoga-Snacks“ im Alltag.


Interessant erscheint mir dabei weniger Yoga als Methode an sich, sondern vielmehr die Frage, ob solche körper- und wahrnehmungsorientierten Mikrointerventionen Menschen dabei unterstützen können,


  • Stressreaktionen bewusster wahrzunehmen,

  • sich schneller zu regulieren,

  • mehr Selbstwirksamkeit zu erleben,

  • und dadurch überhaupt erst eine stabilere Basis für nachhaltige Verhaltensänderung zu schaffen.


Wäre das nicht eine sinnvolle die Behandlung ergänzende Ressource im Alltag der Menschen mit T2-Diabetes?


Diabetesbegleitung neu denken?



Teilnahme bei einer Bewegten pause der AG für Diabetes, Sport und Bewegung mit Fokus auf Meditation und Achtsamkeit.
In meditativer Sitzhaltung während der bewegten Pause auf der DDG-Konferenz in Berlin.

Vielleicht braucht die zukünftige Diabetesbegleitung deshalb nicht nur mehr Daten, Medikamente und Technologien — sondern auch mehr Aufmerksamkeit für die Frage, wie Menschen lernen können, ihren inneren Zustand aktiv mit zu beeinflussen.


Wie können Menschen trotz chronischer Erkrankung wieder mehr Kohärenz erleben?


Wie können Körperwahrnehmung, Atem, Bewegung und Aufmerksamkeit helfen, wieder Zugang zu Ressourcen und Selbstwirksamkeit zu finden?







Und wie könnten solche alltagsnahen Regulationsansätze sinnvoll in moderne Diabetesbegleitung integriert werden? Ich glaube, dass hier ein spannendes Feld liegt, das in den kommenden Jahren weiter erforscht und praktisch entwickelt werden sollte.

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